"Ich hatte das Gefühl, ich müsse doch helfen, schliesslich bezahlen sie mir das Essen und das Bett."

Selina M.*, 21

Ich habe zweimal meinen Vater verloren. Das erste Mal, da war ich acht. Ich war ein richtiges Papakind und er war für mich die wichtigste Person überhaupt. Dann haben sich meine Eltern nach langem Scheidungskrieg getrennt und wir durften unseren Vater nicht mehr besuchen. Das war extrem hart für mich. Bei meiner Mutter und meinen Geschwistern fühlte ich mich immer wie das fünfte Rad am Wagen, ich war ganz anders als sie. Oft haben sie mich deswegen gehänselt und geplagt.

Dann lernte ich eine tolle Familie kennen. Ich begleitete sie auf die Alp, hütete ihre Kinder und half mit den Tieren und allem, was sonst anfiel. Dafür erhielt ich Kost und Logie. Diese Familie hat mich behandelt wie ihr eigenes Kind. Sie wurde zu einem Zufluchtsort für mich. Bei ihnen zu sein, bedeutete eine Erholung von meinem Zuhause. Ich war die ganzen Sommerferien fast ununterbrochen bei ihnen.

Als die Schule wieder begann, wohnte ich unter der Woche bei meiner Mutter. Und kaum war Freitag Nachmittag, nahm ich den Bus und fuhr zurück zu der Familie. Wenn ich bei ihnen ankam, schliefen die Kinder häufig noch. Dann konnte ich mit der Frau ein Kaffee trinken und erzählen, was in der Woche zuhause passiert ist. Das hat mir immer sehr gut getan. Sie war meine Ersatz-Mama.

Ich denke, ihr Mann wusste das haargenau, dass seine Familie ein wichtiger Zufluchtsort für mich war. Er war wie der Vater für mich, den ich nicht mehr hatte. Im nächsten Sommer, da war ich zwölf, hat er begonnen, meine Brüste zu berühren. Auch wenn ich mich weggedreht habe. Dann hat er angefangen, mir zwischen die Beine zu langen. Hat begonnen, mich zu befriedigen. Umgekehrt musste ich ihn dann auch befriedigen. Es war so schmerzvoll. Als hätte ich meinen Vater ein weiteres Mal verloren.

Schliesslich wollte er auch mit mir schlafen. Probierte es immer wieder, aber da konnte ich mich wehren. Ich begann, um mich zu schlagen, habe ihm gesagt, ich wolle nicht schwanger werden. Das hat ihn jeweils abgehalten. Aber das andere, da habe ich es nie geschafft. Er hielt mich fest, so dass ich nicht weg konnte, ich war ausgeliefert, hatte keine Chance.

Oft hat er mich alleine mitgenommen für Arbeiten wie Mähen oder Kühe zurück treiben. Da fanden die Übergriffe statt. Oder wenn wir irgendwo eine Weidhütte für die Kühe bereitmachen mussten, zack, hat er es ausgenutzt. Er fand immer Wege. Wenn ich geschrien hätte, hätte das niemand gehört. Ich habe immer damit gerechnet, dass was passiert, und jedesmal gehofft, dass nicht. Aber ich konnte wie nicht Nein sagen. Ich hatte das Gefühl, ich müsse doch helfen, schliesslich bezahlen sie mir das Essen und das Bett. Da fühlte ich mich verpflichtet, trotzdem mitzugehen. Wenn ich das erzähle, sehe ich alles bildlich vor mir. Alles. Wie ein Film. Es ist schrecklich, wie kann man sowas einem jungen Mädchen antun?

Ich ging trotzdem noch weitere zwei Jahre zu der Familie. Sie haben sich um mich gekümmert, waren mir die Familie, die ich zuhause nicht hatte. Das war für mich eine so grosse Erleichterung, dass ich das andere ertragen konnte. Der Schmerz wegen dem, was bei mir zuhause passierte, war zu dem Zeitpunkt grösser als der vom Missbrauch. Ich liebte die Kinder, die Arbeit mit den Tieren. Mit ihnen habe ich immer über alles geredet, speziell mit dem Hund. Das hat mir geholfen, das Ganze zu überstehen.

Ich mache mir selbst Vorwürfe. Dass ich nicht schon früher gegangen bin. Schon nach dem ersten Sommer gesagt habe: «Blasius, ich mache das nicht mit!» - dann wäre der Schmerz heute vielleicht kleiner. So denke ich immer: Ich habe ihm so lange die Chance gegeben, mich zu schädigen. Ich mache mir da selber Vorwürfe. Ich hätte ja früher reden können oder aufhören können, zu ihnen zu gehen.

Die Kraft dazu, die Beziehung zu beenden, hatte ich jedoch erst, als ich eine andere Familien kennengelernt habe, bei denen ich mich angenommen fühlte. Da habe ich Knall auf Fall beschlossen, nicht mehr zu ihnen zu gehen. Aber ich habe die Frau, die Kinder, die Tiere extrem vermisst. Bis heute habe ich ihr nicht gesagt, was passiert ist.

Danach habe ich den Missbrauch total verdrängt. Wie ein Schutzmechanismus. Erst, als ich im letzten Jahr begonnen habe, darüber zu sprechen, kam alles wieder hoch. Darüber zu sprechen war sehr schmerzhaft. Ich habe mir das nie so schlimm vorgestellt. Dass alles wieder hoch kommt. Der Ort, an dem es passiert ist. Wie es passiert ist. Das Wissen, ich wollte das nicht. Und es ist passiert.

Da ist so viel Schmerz. Ich fühle mich so eingeengt. So hilflos. Es tut einfach weh im Herz, dass ich eine von denen bin, die das erleben musste. Wo ich doch schon genug Scheisse im Leben erlebt habe, so dass ich das jetzt nicht auch noch gebracht hätte. Es ist reine Verzweiflung.

Seit ich darüber rede, fühlt es sich viel leichter an. Ich probiere, offen damit umzugehen. Trotzdem kommt so auch hoch, was ich jahrelang verdrängt habe. Fährt beispielsweise ein Fahrzeug vorbei, das aussieht wie ihres, befällt mich extreme Angst. In den unpassendsten Momenten überrumpelt mich die Erinnerung, zieht mir den Boden unter den Füssen weg. Dann bin ich zwei, drei Tage komplett am Boden, weil die Erinnerung mich eingeholt hat. Jetzt ist es hier und ich muss damit klarkommen. Das ist das Happige. Mir hilft in solchen Momenten extrem, wenn ich mit meiner Mentorin oder meiner besten Freundin über alles sprechen kann.

Ich war lange pornosüchtig wegen des Missbrauchs. Sich selbst befriedigen, da spürte ich meinen Körper, den ich sonst wie nie gespürt habe. Daraus ist die Sucht entstanden. Dabei habe ich in solchen Momenten nie an den Missbrauch gedacht. Es wurde eher wie ein Zufluchtsort, den ich jetzt loswerden will. Wenn ich Lust kriege, gehe ich joggen. Da komme ich ins Atmen, ins Schwitzen. Da beginne ich meinen Körper anders oder besser wahrzunehmen. Mit mehr Liebe. Es geht mir besser, wenn ich renne. Dann fühle ich mich gut.

Von ihm wurde meine Würde geraubt. Er hat meinen Körper berührt und mir genommen, was ich nicht geben wollte. Das kriege ich nicht zurück. Seither kann ich nicht mehr mit meinem Körper umgehen. Er ist zwar da. Aber es ist nicht der, den ich will. Weil er die Würde nicht mehr hat. In den Spiegel blicke ich nur, um mir eine Frisur zu machen oder um zu schauen, ob ich irgendwo Pickel habe. Dann blicke ich mich nicht mehr an. Make-up mache ich sehr selten an – ich ertrage es nicht, mich so lange anzuschauen. Mehrheitlich denke ich: Läck, was ist das für eine. Sie ist dick und hässlich.

*Name der Redaktion bekannt, geändert