Nein, der macht das nicht! Das würde man ihm ansehen.
Eliane*
Den Verdacht hatte ich schon länger. Bevor meine Tochter alles erzählt hat. Aber wenn ich ihn beobachtete, dachte ich immer: «Nein, der macht das nicht! Das würde man ihm ansehen.» Ich begann, an mir zu zweifeln. Dass ich überhaupt sowas denken konnte von ihm. Er war ihr Patenonkel, darum habe ich vieles zugelassen. Kinder hängen doch an ihren Paten. Als Mutter will man diese Beziehung fördern. Darum hatte ich mich nicht dafür, Nein zu sagen, als er mir anbot, dass sie mal bei ihm und seiner Familie übernachten könne.
Sie hat dann irgendwann begonnen, sich in die Hose zu machen, hat sich versteckt, ist in eine Ecke gesessen und hat geweint. Aber nie wollte sie sagen, warum. In der Schule gingen ihre Leistungen zurück. Manchmal wusste sie einfach nicht mehr wie rechnen. Die Lehrerin sagte, sie erscheine zeitweise wie abwesend.
Gewisse Verhaltensweisen verstehe ich jetzt erst im Nachhinein. Damals fand ich es sehr schwierig. Ich versuchte, sie altersentsprechend aufzuklären, indem ich ihr ab und zu gesagt habe: «Das ist dein Körper. Dich darf man nicht anfassen. Und wenn jemand dir sagt, du dürfest nichts davon erzählen, dann ist es besonders wichtig, dass du mir das erzählst. Egal, wer es ist.» Und habe extra nahestehende Personen wie Onkel und Opa erwähnt. Einmal fragte sie nach:« Auch der Götti nicht?» Ich fragte zurück, ob ihr Götti sie denn berühre? Daraufhin antwortete sie: «Nein, er kitzelt mich nur. Am Bauch.»
Sie hätte es ja erzählen wollen. Aber dann fielen ihr seine Drohungen wieder ein. Er würde den Hund töten beispielsweise. Also sie sagte nichts mehr. Später, nachdem sie endlich alles erzählt hatte, fragte sie mehrere Wochen immer wieder: «Müsst ihr, Mama und Papa, jetzt sterben?»
Als sie noch kleiner war hat sie bei jedem Menschen und bei jedem Tier einen Pimmel hingezeichnet. Oder gebastelt. Es war immer Thema. Ich war ja nicht spröde, aber ich fand das immer etwas übertrieben – wollte meinen Kindern eigentlich einen normalen, gesunden Umgang mit Sexualität ermöglichen.
Als sie mir schliesslich zum ersten Mal davon erzählte, hätte ich gleich zum Arzt gehen und einen Abstrich machen lassen sollen. Das war mein grösster Fehler. Ich habe ihr trotz meinen Gefühlen nicht ganz geglaubt. Ich wollte es nicht wahrhaben. Vielleicht eine Art Schutzmechanismus. So musste ich mich nicht damit auseinandersetzen.
Denn der Schmerz, den man empfindet, wenn ein Kind einem von Missbrauch erzählt, der ist unglaublich. Als sie begonnen hat, darüber zu sprechen, als sie täglich von neuen Übergriffen erzählt hat. Ehrlich, ich dachte nur: Nein, bitte erzähl mir nichts. Bitte nicht schon wieder. Es ist so extrem. Die Emotionen, wie sie weinen. Es hat ihr beim Erzählen komplett die Luft abgeschnürt. Sie konnte kaum mehr atmen. Für einen selbst ist es, wie wenn man zuschauen würde, wie er es gemacht hat. Es ist so brutal zu sehen, wie sehr das Kind dem Täter ausgeliefert war. Und dann tut es zuhause so, wie wenn nichts gewesen wäre. Immer, wenn sie mir wieder etwas davon erzählt hat, war ich danach eine Woche wie begraben.
Ich kann den Täter nicht einmal hassen für das, was er gemacht hat. Das ist mein Glück wahrscheinlich. Ich kann es nicht akzeptieren, aber ich kann ihn nicht hassen. Ich will einfach, dass Gerechtigkeit passiert. Dass er hinstehen muss für das, was er gemacht hat. Dass er ein paar Jahre ins Gefängnis muss und gezwungen wird, über seine Taten nachzudenken. Auch zum Schutz für alle missbrauchten Kinder. Meines ist jetzt nicht mehr sein Opfer, aber es könnte noch viele andere geben.
Wir haben ihn angeklagt. Doch es scheint aktuell so, als würde das Verfahren mangels Beweisen eingestellt. Daran darf ich nicht denken. Ich kämpfe dafür, dass wir eine Chance haben vor Gericht. Das kostet mich enorm viel Energie.
Mein positives Denken hilft mir immer wieder. Wenn ich sehe, wie meine Tochter wieder zu lachen beginnt. Vorher habe ich meine Kinder schon wahrgenommen. Aber jetzt nehme ich mir viel mehr Zeit, ihnen einfach zuzusehen. Und ich bin viel dankbarer. Es hilft mir auch enorm, dass ich jetzt verstehe, warum sie nicht manchmal schlafen kann oder traurig ist.
Manchmal fragte meine Tochter mich: «Bin ich schuld, dass der Götti das mit mir gemacht hat?» Als Kind trägt man die ganze Schuld immer mit. Ich will nicht darüber nachdenken, wie sie sich in einigen Jahren entwickelt hätte, wenn das nicht herausgekommen wäre. Ich denke, sie wäre womöglich im Leben gescheitert, obwohl wir ihr als Eltern alles gegeben haben. Wahrscheinlich kann dies alles nur heilen, indem wir ihr einfach glauben, ihr zuhören, für sie da sind und versuchen, sie zu verstehen. Sie lieben.
Wenn Kinder merken, dass sie in Sicherheit sind, können sie sich öffnen. Da hilft es schon so viel, wenn man als Eltern hinschaut, diesen anstrengenden Weg gemeinsam mit den Kindern geht. Mit ihr da durch geht. So hart es ist. Das Schlimmste für ein Kind, das missbraucht ist, wenn die Eltern wegschauen und sagen, das stimme alles nicht.
*Name der Redaktion bekannt, geändert